
KI und Abschlussarbeiten
Schriftliche Arbeiten sollen nicht komplett wegfallen, sondern intelligent angepasst und weiterentwickelt werden. (Weßels et al. 2025: 5)
Traditionell werden Haus- und Abschlussarbeiten unbeaufsichtigt und in Eigenregie durch die Studierenden erstellt. Bewertet wird in der Regel ausschließlich das eingereichte Endprodukt. Diese verbreitete Praxis wird durch die allgegenwärtige und niedrigschwellige Verfügbarkeit verschiedenster KI-Systeme jedoch grundlegend infrage gestellt. Vor diesem Hintergrund wird deutlich, dass ein Paradigmenwechsel vonnöten ist. So betonen bspw. Doris Weßels, Annabell Bils und Jannica Budde in ihrem Diskussionspapier „Wissenschaftliche Abschlussarbeiten im KI-Zeitalter“ von Oktober 2025: „Die zentrale Herausforderung liegt nicht darin, die Nutzung von KI zu verhindern, sondern darin, einen kompetenten und kritischen Umgang zu lehren und Bewertungsformen zu entwickeln, die diesen Umgang sichtbar und bewertbar machen“ (Weßels et al. 2025: 5). Hierzu liefern sie die nachfolgend zusammengefassten Denkanstöße und konkreten Lösungsansätze.
Grundsätzliche Denkanstöße zur Weiterentwicklung von Abschlussarbeiten

- Reflexion über Zielsetzung von schriftlichen Arbeiten: Welche Kompetenzen sollen Studierende bei der Erstellung von Haus- und Abschlussarbeiten trainieren und demonstrieren?
- Reflexion über Zusammenspiel von Mensch & Maschine: Welche Aufgaben können sinnvoll an KI-Systeme delegiert werden (z.B. repetitive, standardisierbare Arbeitsschritte)? Welche Aufgaben sollten keinesfalls ausgelagert werden (z.B. Urteilsbildung)?
- Didaktische Neuausrichtung: Etablierung kompetenz- und prozessorientierter Prüfungs- und Bewertungsformen
Konkrete Lösungsansätze zur Adaptierung und Erweiterung des Prüfungsformats
Weßels et al. plädieren ausdrücklich dafür, endproduktfokussierte Prüfungen durch prozessorientierte Prüfungsformate zu ersetzen bzw. um entsprechende Elemente zu erweitern, da auf diese Weise Leistungen in den Blick gerückt werden, die von KI-Systemen nicht bzw. nur bedingt erledigt werden können:

- Schriftliche Arbeit plus mündliche Prüfung oder Kolloquium, um thematische Kenntnisse ebenso wie tiefergehendes Verständnis, kritische Reflexionsfähigkeiten und die „tatsächliche Urheberschaft der Gedanken“ (Weßels et al. 2025: 6) überprüfen zu können.
- Schriftliche Arbeit plus Portfolio– bzw. E-Portfolioarbeit, in denen der „Lern- und Arbeitsprozess über einen längeren Zeitraum dokumentiert wird. Ein Portfolio kann verschiedene Artefakte enthalten, wie z.B. Rechercheprotokolle, Gliederungsentwürfe, kommentierte Bibliografien, Feedback-Reflexionen und überarbeitete Textversionen. Bewertet wird hier nicht nur das Ergebnis, sondern der nachvollziehbare Weg dorthin.“ (Weßels et al. 2025: 6)
- Anwendungs- und reflexionsbasierte Aufgaben, die auf „persönliche Reflexion, Transferleistungen und die Integration von Wissen, das nicht in den allgemeinen Trainingsdaten der KI enthalten ist“, zielen, indem sie bspw. einen Bezug zur Lebenswelt oder Diskussionen der Lehrveranstaltung einfordern (Weßels et al. 2025: 6f.)
- KI-integrierende Aufgaben, die bspw. dazu auffordern, einen KI-generierten Output kritisch zu überprüfen oder den eigenen Umgang mit KI-Systemen bei der Erstellung der schriftlichen Arbeit zu dokumentieren und zu reflektieren (vgl. Weßels et al. 2025: 7)
- Integration performativer oder kreativer Prüfungselemente (bspw. ein Rollenspiel, durch das Leistung in typische Situationen des angestrebten Berufs simuliert wird und welches anschließend unter fachlichen Aspekten reflektiert wird. Auch von Studierenden selbst gesetzte Zielformate können gültige und kreative Prüfungsformate sein: Erklärvideos, Projekte zur Vermittlung von gesellschaftlicher Relevanz eines Themas, hier können besonders kreative Wege gegangen werden, da sich die Leistungsabfrage nicht mehr einzig auf die Dimension des Produkts begrenzt.
Einhergehend mit der Adaptierung von Prüfungsformaten und -aufgaben müssen selbstverständlich auch die Bewertungskritierien angepasst werden und stärker prozessbegleitende sowie metakognitive Kompetenzen fokussiert werden. Konkrete Vorschläge haben wir unter KI und Bewerten für Sie zusammengestellt.

